23.05.2011


 

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Sportmacht Katar: Kleines Land ganz groß

Doha (dpa) - Sport ist in Katar kein Märchen aus 1001 Nacht. Das schwerreiche Öl-Emirat am Persischen Golf engagiert sich langfristig. Doha ist zum Nabel der Sport-Welt geworden. Und das kleine Land, nur halb so groß wie Hessen, freut sich jetzt schon auf die Fußball-WM 2022.

Sanft legt sich der Airbus 330 der Qatar Airways in die Kurve, noch drei Minuten bis zur Landung. Für die Cockpit-Crew aus Katar ist der Anflug auf den Doha International Airport Routine. Für die meisten Passagiere nicht. Wer nach dem Sechs-Stunden-Flug aus Europa wach und entspannt für einen Blick nach draußen ist, kommt schnell ins Staunen: Die glitzernde Skyline mit den Wolkenkratzern, die sich markant und majestätisch vom Nachthimmel abheben. Ein buntes Lichtermeer, die City taghell. Energie im Überfluss. Irgendwie erinnert die Silhouette an Las Vegas, die künstliche Stadt der Träume in der Wüste von Nevada.

Auch Doha wächst rasant - vor allem in die Höhe. Doch die hitzige Hauptstadt Katars im Osten der Halbinsel ist weder Zocker-Paradies noch Spieler-Oase. Das große Geld liegt hier unterm Wüstensand. Katar wird auch in 200 Jahren noch «flüssig» sein: Erdöl und Erdgas haben das Emirat am Persischen Golf zu einem der reichsten Länder der Welt gemacht. Nicht das «Märchen aus 1001 Nacht» soll die Verheißung für die Zukunft sein, sondern die «Qatar Vision 2030».

Kleines Land ganz groß - dies gilt auch für die aufstrebende Sportnation. Am 2. Dezember 2010, 16.44 Uhr MEZ, läuft weltweit die Eilmeldung über die Agenturticker: «Katar erhält Zuschlag für Fußball-WM 2022». Ein historischer Tag für das frühere britische Protektorat, das erst seit 1971 unabhängig ist und auch mit seiner Fußball-Nationalmannschaft (Platz 92 der FIFA-Weltrangliste) noch viel Luft nach oben hat.

Größtes Problem für das Weltereignis im Sommer 2022: Das feuchtheiße Tropenklima mit Temperaturen von 50 Grad Celsius oder mehr. Schnell kocht Kritik hoch - die Kataris kontern cool: Jedes der zwölf Stadien wird auf rund 25 Grad heruntergekühlt. Versprochen! Allerdings hält sich die Sportbegeisterung der Wüstensöhne (noch) in Grenzen: Zu Spielen der ersten Fußball-Liga kommen manchmal nur 300 Zuschauer. Die meisten Fans sitzen lieber vor dem Fernseher: Der Ball rollt auch auf den High-End-Plasmaschirmen ruckelfrei.

Als Gastgeber der Asien-Spiele 2006 hat das Land indes endgültig bewiesen, dass es internationale Sportveranstaltungen auf hohem Niveau perfekt organisieren kann. Etwa 20 stehen allein 2011 im Kalender. Im Jahr 2015 richtet Katar zudem die Handball-WM aus; die Bewerbung um die Leichtathletik-WM 2017 läuft vielversprechend.

Ein ganzes Land drückt auf die Tube, das Tempo ist schwindelerregend. «Hier musst du dreimal im Jahr das GPS wechseln», sagt Uli Stielike und zeigt auf das Navigations-Gerät in seinem geländegängigen Auto. Seit Januar 2009 ist der Fußball-Europameister von 1980 als Vereinstrainer in Doha und inzwischen fast ein Katar-Experte. «Das geht hier so schnell: Ständig gibt es neue Straßen. Diese Hochhäuser da, die haben sie gerade erst hochgezogen», erklärt der 56-Jährige, «und in Lusail entsteht ein völlig neuer Stadtteil für 450 000 Einwohner.»

Stielike macht seinen Job am Golf gern, und obwohl er mit seinem Sport Club Al-Sailiya gerade in die 2. Division abgestiegen ist, hat er seinen Vertrag um zwei Jahre bis Juni 2013 verlängert. Von Katar ist der badische Weltenbummler schwer beeindruckt. «Die haben eine super Infrastruktur. Das große Glück ist, dass alles Söhne des Emirs so sportbegeistert sind. Hier fließt das Geld in den Sport - andere Länder stecken es in Panzer oder Kampfflugzeuge», sagt Stielike.

Vier von fünf Einwohnern Katars sind Ausländer. Ohne die rund 1,4 Millionen Gastarbeiter könnte die Emir-Familie ihre ehrgeizigen Projekte nie verwirklichen. Mit Riesenschritten gibt der Zwergstaat den Golf-Nachbarn als Nummer 1 das Tempo vor: Allein in diesem Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt um 13 Prozent wachsen, sagen Analysten. Industrie, Infrastruktur, Bildung, Sport - derzeit sind rund 240 Großprojekte in Planung oder bereits im Gang. Das Volumen ist enorm: 960 Milliarden Katar Riyal (QAR), umgerechnet 186 Milliarden Euro.

«Viele Länder verfügen über ähnliche Reichtümer, aber sie ziehen keinen Nutzen daraus», sagt Hassan Abdulla Al-Mohamedi, Medien-Direktor des Nationalen Olympischen Komitees (QOC), in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Das QOC fungiert in Katar praktisch als Sport-Ministerium; es residiert hoch über der Stadt, 27 Stockwerke hat der imposante Glaspalast an der Corniche. Von dort aus wird die systematische Entwicklung gefördert, vom Schulsport an; das QOC verteilt das Geld an 26 Fachverbände und 16 staatlich geförderte Clubs. Fußball ist auch im Emirat die Nummer 1.

«Alles wird von uns organisiert und bezahlt», sagt Al-Mohamedi. «Wir investieren langfristig - in den Sport, in Bildung und Soziales. Unser größtes Ziel ist es also nicht, so viele internationale Sportveranstaltungen wie möglich ins Land zu holen.»

Das gigantische Zukunftsprojekt wird in einem schwindelerregenden Tempo vorangetrieben. Dabei kommt es nicht auf die Größe an: Katar ist mit seinen 11 437 Quadratkilometern nur halb so groß wie Hessen und hat gerade einmal 1,7 Millionen Einwohner - weniger als Hamburg. Symbol für die aufstrebende Sport-Nation ist die «Aspire Zone» - eine Stadt in der Stadt: Jeder Taxifahrer in Doha kennt das 2004 eröffnete High-Tech-Sportzentrum, so wie Berliner «Droschkenkutscher» das Brandenburger Tor. Auch das angegliederte sportmedizinische Hospital «Aspetar» hat sich längst einen ausgezeichneten Ruf erworben. Die etwa 300 Mitarbeiter kommen aus 60 Nationen.

«Ich habe die Präsentation der Bewerbung für die WM 2022 gesehen: So etwas Hochprofessionelles habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt», versichert Dagmar Freitag, seit 2009 Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses. «Geld spielt dort vermutlich eine untergeordnete Rolle, wenn es um derartige Bewerbungen geht», sagt die SPD-Politikerin, die erst Anfang Februar mit fünf weiteren Ausschuss-Mitgliedern in Doha war. «Das ist aus meiner Sicht sehr systematisch angelegt. Das sind keine Ad-hoc-Bewerbungen.»

Die deutschen Gäste waren beeindruckt. «Wir haben mit großem Interesse beobachtet, wie sich Katar in der internationalen Sportpolitik positioniert», berichtet Dagmar Freitag. «Die Kataris wiederum haben großes Interesse an unserem Sportsystem, insbesondere unserer gewachsenen Vereinsstruktur gezeigt. Wir haben ihnen viel über den Schulsport und unser Schulsystem erzählt. Sie können und wollen da von uns lernen. Ob wir von den Kataris etwas lernen können, wird die Zukunft zeigen.»

Erdöl und Gas haben Katar zu einem der reichsten Länder der Welt gemacht. Doch in der Pipeline steckt viel mehr: Auch in Politik, Kultur und Sport soll das Emirat bald eine führende Rolle spielen. Dafür steht vor allem der ehrgeizige Herrscher, Scheich Hamad bin Chalifa Al-Thani - ein großer Sportfan.

Kronprinz Scheich Tamim bin Al-Thani ist als QOC-Präsident de facto der Sportminister. Trotz seiner 30 Jahre hat er schon großen Einfluss als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Katars Fußball-«König» Mohamed bin Hammam fordert am 1. Juni in Zürich gar den mächtigen Welt-Präsidenten Joseph Blatter zum Duell um die FIFA-Krone heraus.

Toleranz, Eifer und Lernwillen, auch Hartnäckigkeit beim Umsetzen ihrer Projekte zeichnen die Kataris aus. Und Flexibilität. Ein Beispiel aus der Farbenlehre: Weil das Hellrot in der Staatsflagge aufgrund der extremen Sonneneinstrahlung stark abdunkelte, änderten die Herrscher die Farbe offiziell in ein dunkles Rotbraun.



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